ars et saliva
david p. eiser
zeitraffer
do widzenia Grazyna
Jacek
Smolinski hatte ein problem. - fröstelnd zog er die schultern hoch
und zum letzten mal an dem inzwischen
braun gewordenen zigarettenrest, griff mit der anderen hand in seine
linke jackentasche,
holte eine zerbeulte metallschachtel
heraus und versenkte die winzige kippe darin, nachdem er die
glut auf dem mauerpfeiler zerdrückt
und die asche abgestreift hatte, immer besorgt, so viel wie mög-
lich vom kärglichen überbleibsel zu retten;
denn man konnte nie wissen, wann und wo es wieder tabak
gab, um sich eine neue zu drehen.
in der nacht hatte es zum ersten mal in diesem herbst frost gegeben,
nicht viel, aber es hatte gereicht,
um das gras und die dächer weiss werden zu lassen, hatte das brückengeländer
rau-reif gemacht und
die seichten pfützen auf tückische weise vereist.
Smolinski vergrub seine hände in den jackentaschen, beugte sich etwas
vor, ohne das geländer zu berühren, und schaute auf den trägen, trüben
fluss. - Grazyna ging ihm durch den kopf. er hatte sie belogen.
es ärgerte ihn, dass er wieder die unwahrheit hatte sagen müssen.
aber das risiko geschnappt zu werden, nur weil er einem gefühl nachgegeben
hatte, war ihm zu gross erschienen. je weniger bescheid wussten, desto
besser.
also versprach er ihr zu kommen, kam aber nicht sondern liess sie stehen
und warten in der feuchten
kühle des septemberabends. - Grazyna, in mutters stöckelschuhen, in dem
abgewetzten lodenmantel; lange, schwarze haare, nur mühsam unterm kopftuch
gebändigt. Grazyna im matten schein der schaufenster, im halbdunkel
des frühen abends, schatten mit leuchtenden augen und warmen lippen
und schmalen händen und fingern, die über seinen ärmel krabbelten und
bis zu seiner hand tief in die jackentasche vordrangen, sich um seine
finger falteten und ihm vertrautheit gaben und ein wohliges
gefühl von sicherheit.-
Smolinski trat verärgert mit dem fuss gegen das brückengeländer. das eine, was man hat, das andere,
was man will. ich will aber beides, dachte er wütend, gab sich einen ruck und stakste mit eckigen bewegungen über die brücke, richtung bahnhof, schlug aber wenig später den direkten weg zum öst-
lichen bahnübergang ein, kam dabei aus dem gewühl und gestank der innenstadt heraus und wurde allmählich ruhiger in seinem inneren.
die geschäftigkeit der hauptstrassen fiel hinter ihm zurück. der lärm brandete nur noch von ferne wie dumpfes brausen an die häuserfronten und verfing sich in den baumkronen der alten kastanien.
in einer nebenstrassse hatten arbeiter die fahrbahn aufgebrochen und waren mit pressluftgeräten zu-
gange, aber obwohl Smolinski kaum hundert meter entfernt verharrte, war es doch nur ein gedämpftes tickern, das er hörte, und manchmal, in einer kurzen pause, drangen auch die stimmen der männer
bis zu ihm herüber, ohne dass er sie verstehen konnte, fast wie ein murmeln, dann wieder unterbro-
chen vom ticker-ticker der hämmer, dem zischen des kompressors und dem klicken der ventile: es
klang alles so vertraut, so sicher, so zuversichtlich, aber auch behutsam, rücksichtsvoll an diesem
morgen, und Smolinski hatte auf einmal das gefühl, dankbar sein zu müssen für diesen neuen tag.
er sog die frische luft in sich hinein, atmete tief durch und spürte die beissende kühle in den bron-
chien. er musste husten. und da hatte ihn die realität wieder eingeholt.
*
der bahnübergang war wie gewöhnlich geschlossen. Smolinski hielt sich etwas zurück, seitlich,
schaute interessiert auf seine schuhe,dann links rüber in richtung bahnhof, flüchtig auf die rücken
der vor ihm stehenden leute und richtete schliesslich seinen blick auf den herannahenden zug, der
schon ziemlich langsam fuhr.
es fing an, in seinen fingern zu kribbeln, sein puls schlug etwas schneller als es vor einem geschlos-
senen bahnübergang nötig gewesen wäre. die wagen zogen gemächlich vorüber. irgendetwas
pochte in ihm. schlechtes gewissen, aufregung. wenn ihn jetzt bloss niemand ansprach, bloss nicht
jetzt erkannt werden, er hatte solche mühe, sich zusammenzureissen.
und dann war der zug vorbei, hatte eine graue staubwand auf dem nicht befestigten übergang hinter-
lassen und bremste sich nun kreischend in den bahnhof hinein.
währenddessen gingen die schranken hoch, die paar motorräder und autos setzten sich qualmend in bewegung, rumpelten über die unebenheiten der fahrbahn, durch die schlag-
löcher und hüllten fussgänger und radfahrer in eine wolke von dreck und gestank.
*
aus den hütten im kleingartenbereich stieg senkrecht der rauch hoch, grau - blau - braun, kräuselte
sich in der blassen morgensonne zu unruhigen wattebäuschen und verteilte sich in der dunstglocke
über der stadt, umschlang wie ein endloses seidentuch häuser, bäume, mensch und tier, überdeckte
das land mit einem schleier aus beissender trockenheit, schwefel, brenzligem feuer und vermischte
sich mit dem geruch des herbstes, der unter den hecken sass, im auftauenden gras und dann und
wann aus den späten apfelbäumen fiel. - Smolinski war hier zu hause.
im vorbeigehen warf er einen blick in die regentonne. obenauf schwamm ein zigarettenfilter: Jerzy
war schon dagewesen, und das bedeutete, dass Smolinski heute nacht wieder los musste. - er sto-
cherte lustlos im ofen herum, fand noch etwas glut und legte holz nach. dann schlang er ein stück
brot und ein stück wurst hinunter, wusch sich kurz das gesicht und packte noch ein paar briketts in
den ofen.
im hinausgehen griff er zur giesskanne und tauchte sie dann in die
regentonne ein, achtete darauf,
dass der zigarettenfilter mit rüberschwappte und
begab sich hinter das häuschen, wo er sich unter
dem überdach an den
gartengeräten zu schaffen machte. dabei liess er unauffällig den filterrest
verschwinden. -
als Smolinski reinkam, war es inzwischen
etwas wärmer geworden. er legte
sich aufs sofa, zog die
decke bis über beide schultern und schlief bald
ein.
wach wurde er erst, als ihm jemand
über die haare strich und ihm etwas ins
ohr zischte. es sollte
verärgert klingen, vorwurfsvoll und ein wenig beleidigt,
enthielt jedoch so viel liebevolle zärtlichkeit,
dass er schnell das aufkommende gefühl von schlechtem gewissen beiseite
schob, nach dem
dunklen schopf griff und seine hände in Grazynas haaren vergrub, sie an
sich
zog und sein ge-
sicht in dem sanften übergang zwischen ihrer linken schulter
und ihrem nacken barg.
*
es war inzwischen dunkel geworden,
feucht und kühl im garten, dunstig auf
dem weg, in dessen
sandiger nässe schon die kälte der nacht hockte. der
mond hing zwischen den schloten der reifen-
werke unschlüssig, bleich und
starr, solange ihn die qualmwolken nicht verdeckten.
dürre strassenlampen tröpfelten
gelb-bläuliches licht auf kastanienbäume
und hecken, machten
die umrisse schemenhaft unscharf und begleiteten
Smolinski in unregelmässigen abständen, von
hell zu dunkel zu hell, um die pfützen herum, entlang den spurrillen, bis
er die durchgangsstrasse
erreichte.
Jerzy wartete
schon. hinter dem bahnübergang. das auspuffgeräusch seines wagens war
nicht
zu überhören. sie fuhren gemächlich durch die stadt, schweigend. Jerzy
rauchte. der qualm seiner
zigarette waberte durch das fahrzeug, vermischte sich mit dem geruch der
verschlissenen polster
und den ausdünstungen der plastikbespannungen.
Jacek Smolinski verspürte eine gewisse übelkeit. Grazyna
hatte er wieder belogen, zum letzten mal.
nun musste schluss damit sein. er schluckte, kämpfte gegen den druck im
hals an, gegen dieses würgegefühl, das drohte, ihm die luft abzuschneiden.
er fühlte sich umklammert, in die enge getrie-
ben, wehrlos. aber er wollte endlich ausbrechen, sich befreien aus diesem
gespinst von lüge und heimlichkeiten,
raus aus dieser verstrickung.
es
war zeit, mit Jerzy darüber zu sprechen...
© dpe 1986
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061219